Wozu Alte Geschichte? Vier Einwände

In seiner Vorlesung zur Alten Geschichte anlässlich der Ringvorlesung zur Einführung in die Geschichte vertritt Prof. Dr. Flaig Ansichten, die auf eine islamophobe, militante, rassistische und menschenverachtende Haltung schließen lassen. Dieser Text rezensiert die von Flaig als Säulen der Geschichte propagierten „Neun Landmarken“ der Geschichte.

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Wozu Alte Geschichte? 4 Einwände

Kampf der Kulturen
Flaig spricht von „Gesetzen gegen die Selbstverständlichkeit“ (S.1) im Sinne einer geschichtlichen Verkettung von Ereignissen, die für die aktuelle Situation verantwortlich sind. Eines dieser Gesetze sind laut Flaig die Kosten, die jede kulturelle Veränderung mit sich bringt (ebd.). Laut Flaig gibt es immer Gewinner und Verlierer:
„Bei jedem kulturellen Wandel gewinnt irgend jemand etwas, und andere verlieren etwas. Es ist völlig unmöglich, daß [sic!] alle
gewinnen.“ (ebd.).
Abgesehen davon, dass er dieses „Gesetz“ nur durch ein einziges Beispiel stützt (für den Weltfrieden müssten kriegerische Kulturen auf ihre Tugenden verzichten), was die Legitimation dieser These ohne jeglichen wissenschaftlichen Beweis in Frage stellt, wird hier ein Weltbild deutlich, in dem es keine Kompromisse zu geben scheint.

Kolonialismus als Wohlfahrtsmission
Solchen unbelegten ‚Gesetzen‘ folgen ‚Wahrheiten‘. Zur Abschaffung der Sklaverei behauptet Flaig:
„Gezahlt haben die britischen und französischen Steuerzahler, weil der Kolonialismus mehr kostete als er einbrachte. Alle
diese Kosten sind heute vergessen. Jeder darf den europäischen Imperialismus kritisieren. Aber jeder sollte wissen: ohne
diesen Imperialismus wäre in allen Weltteilen die Sklaverei gängige soziale Praxis.“ (S. 2)
Die Ignoranz gegenüber den Tatsachen, dass der europäische Kolonialismus die Sklaverei unterstützte, dass die Einnahmen höher als die Ausgaben waren und dass die ‚europäischen Retter‘ bis heute für die Ausbeutung afrikanischer Stämme, Völker und Nationen verantwortlich sind, widersprechen der wissenschaftlichen und bildungspolitischen Verantwortung, die Herr Flaig als Professor einer staatlichen Universität hat.

Der Islam gegen die Menschenrechte
Kritisch zu betrachten sind weiterhin die islamophoben Äußerungen Flaigs, die sich nur an einer Stelle im Text ausdrücklich auf den Scharia-Islam (S. 15) beziehen, ansonsten jedoch genuin auf den Islam im Allgemeinen angewendet werden. Dabei bedient sich Flaig stereotyper Darstellungen und zeichnet mit falschen logischen Schlussfolgerungen ein undemokratisches, menschenverachtendes, von ihm konstruiertes Bild dieser Religion:
„Jede Gesellschaft wird von Normen zusammengehalten. Hinter den Normen stehen Werte. So lange uns diese Werte wichtig sind,
werden wir an den Normen festhalten. Wenn die Frauen dasselbe Recht haben, als Personen in der Öffentlichkeit zu erscheinen
wie die Männer, dann müssen sie auf dieselbe Weise ihr Gesicht zeigen. Dann muß [sic!] die Burka in Europa verboten werden.
Das ist die Norm. Der Wert hinter der Norm ist die politische Gleichheit der Geschlechter. Wenn dieser Wert fällt, dann
darf man Frauen verschleiern und zu Hause einsperren.“ (S. 5)
Zum einen handelt es sich bei dieser Ausführung um einen Sein-Sollens-Fehlschluss, der keinesfalls wissenschaftlich gültig ist. Zum anderen arbeitet Herr Flaig mit diskussionswürdigen Prämissen, wie zum Beispiel der Annahmen, Frauen ohne Burka seien nicht unterdrückt und Verschleierung sei ein ausschließlich muslimisches Phänomen. Allzu leichtfertig urteilt er über die Freiheit oder Unfreiheit von Burkatrageden Frauen. Die Religion des Islam wird als Gefahr für die ‚hart erkämpften, bestehenden europäischen Werte‘ dargestellt, wobei sich diese Darstellung durch die gesamte Vorlesung zieht:
„Und wir halten an der Kontrolle der politischen Macht bis heute fest, zumindest dort [sic!] wo keine Diktaturen bestehen
und keine islamischen Gottesstaaten.“ (S. 11)
„Desgleichen ist der Koran ein von Gott gegebenes Gesetz. Zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz klafft ein Abgrund.“
(S. 10)

Die Erben der Griechen gegen die Barbarei
Neben dieser Abgrenzung europäischer Kulturen vom Islam, nimmt Flaig auch eine klare Wertung dieser Kulturen vor.
„Warum aber dann nicht die Babylonier, die Hebräer, die alten Araber? Warum die Griechen und die Römer? Weil von allen
alten Kulturen wir den Griechen am meisten verdanken. Nicht nur wir Europäer, sondern sämtliche moderne Kulturen überhaupt.
Sogar die islamische Kultur; die heutigen Gelehrten der islamischen Welt haben bloß vergessen, daß [sic!] fast sämtliche
kulturellen Errungenschaften, auf die sie im Mittelalter so stolz waren, direkt aus den Übersetzungen hellenistischer Werke
stammt […].“ (S.8)
Wiederum ohne Belege und völlig unwissenschaftlich, bei genauerer Betrachtung sogar willkürlich, stellt Flaig die islamische Kultur als von abendländischen ‚Errungenschaften‘ abhängig und andernfalls unterentwickelt dar.
Dabei sind ihm zufolge wissenschaftliche Begründungen doch wichtig im Kampf gegen „intellektuelle[…] Barbarei“(S.3). Er unterscheidet klar zwischen „Barbaren“ und „Intellektuelle[n]“ – erste ignorieren stetig die „historische[n] Wahrheit[en]“ (ebd.), die letztere zum Schutz der kulturellen „Errungenschaften“ anführen:
„Der Gipfel der Barbarei ist moralischer Terror gegen diejenigen, die wissenschaftlich begründet auf Kosten und
Notwendigkeit hinweisen.“ (S. 3)
Er selbst sieht sich auf Seiten dieser Intellektuellen im Kampf gegen die Barbarei, was nicht nur die ’schwere Bürde der Verantwortlichkeit zur Aufklärung‘, sondern auch einige Rechte mit sich zu bringen scheint: Wie zum Beispiel die Zugehörigkeit zur Bildungselite, welche die Entwicklungsrichtung der Kultur bestimmt, sowie einen Wahrheitsanspruches über die Bewertung der historischen Ereignisse – und somit Deutungshoheit – innehat. Dass solche Bewertungen je nach Perspektive unterschiedlich ausfallen können, scheint Flaig nicht zu beachten. Genauso wenig wie die Schwierigkeiten der ‚Wahrheitsfindung‘ jeglicher Wissenschaften.

Prof. Dr. Flaig lebt und lehrt in Mitteleuropa und kann sich damit von einer abendländischen Sozialisation schwerlich lossprechen. Trotzdem ist die Beanspruchung der eigenen kulturellen Errungenschaften als die besten und schützenswertesten in seiner öffentlichen Position untragbar. Er propagiert einen Kampf der Kulturen, in dem er die eigene als gefährdet und ‚fremde‘, wie zum Beispiel die muslimische, als Gefahr darstellt. Noch gehört er zu einer Mehrheit, deren politische Macht er jedoch bedroht sieht und welche er deshalb mit unwissenschaftlichen Argumenten, rechtspopulistischen Stereotypen, traditionsverpflichteten Weltbildern und mitteleuropäischer Weltretter-Arroganz zu verteidigen sucht.
Mit solch unreflektiertem Umgang gegenüber der eigenen Wissenschaft im Rahmen einer Einführungsveranstaltung für Erstsemester sollte seitens der universitären Leitung anders umgegangen werden.
Wo bleibt die Kritik des Rektors, wo die Distanzierungen der Kolleg_innen von Flaigs Aussagen, wo die offizielle öffentliche Aufarbeitung und Aufklärung über die Vorgänge? Bedeuten der Mangel an solchen Positionierungen Zustimmung oder schlicht Angst vor Prestigegefährdung seitens der Universität? Traditio et Innovatio – Ersteres mit Sicherheit, aber von Innovation keine Spur. Denn das würde einen transparenteren und reflektierteren Umgang mit Herrn Flaigs Wirken bedeuten.


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